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Interessanter Artikel über heikles Thema

Runter von der rosa Wolke

Verliebtheit ist nicht gleich Liebe, meint Karl- Heinz Farni. Wer in Gefühlen schwelgen will, sollte lieber Popsongs singen, statt den Therapeuten zu nerven

Manchmal- Gott sei Dank selten- komme ich nicht umhin, in einer Therapiestunde zu singen. Es passiert, wenn ein Klient oder eine Klientin mit diesen verdrehten Augen und dem kryptischen Blick der Verliebtheit vor mir sitzt. Nein, keine Angst: verliebt nicht in mich- das kommt zwar bisweilen vor, aber dann singe ich nicht auch noch. Nein, ich meine, verliebt in den Mann oder die Frau aller Träume, den einen, die Top- Frau, den Perfekten, der so anders ist als alle anderen, die Königin!
Dann, es geht ganz automatisch, entreißt es mir zartschmelzende oder auch herzzerreißende Liebeslieder. Schlager, Hits von gestern, vorgestern und topaktuelle- egal, denn ob Roger Whittaker, die Stones, Dean Martin oder Tokio Hotel, alle Oden an die Vollkommenheit des oder der Geliebten, die schwelgerischen Ausdrücke unserer Vorstellung von romantischer Liebe haben ja mit Liebe nichts zu tun, sondern sind lediglich mit Musik unterlegte narzisstische Schreie von Babys. Oder welcher erwachsene Mensch- es sei denn- er ist gerade in eine Gletscherspalte gefallen- ruft markerschütternd: „Komm und rette mich!“? Oder „Ohne dich kann ich nicht sein!“? Oder „Let me be your sun“, wobei ein „o“ statt eines „u“ ehrlicher wäre. Oder in diesem hinreißenden Dean- Martin- Schnulzenklassiker „The door is still open to my heart“: „I must confess, that I cry from my lonelyness. You are to me like honey is to the bee” – Honig, das leicht resorbierbare Stärkungsmittel mit entzündungshemmender Wirkung, ist das Aufzuchtmittel für die Bienenbrut.
Dass meine Klienten durchweg wütend reagieren, liegt, glaube ich, nicht nur daran, dass ich zwar gern, aber nicht wirklich gut singe. Nein, sie mögen nicht von ihrer rosa Wolke runtergeschubst, nicht enttäuscht werden in dem, was sie unzutreffenderweise Liebe nennen, was aber eben nur die unbewusste, narzisstische Hoffnung darauf ist, dass alles, was sie als Baby so bitterlich und manchmal sogar lebensbedrohlich entbehrt haben, nun, im Angesicht des oder der Einen, wieder gut- und am liebsten ungeschehen gemacht wird. Anders ausgedrückt: Der erwachsene Narzissmus, der sich im Verliebtsein äußert, hat- wie jeder erwachsene Narzissmus- die vorzügliche Aufgabe, das so schmerzhaft Entbehrte des einst unbefriedigten, ursprünglichen, kindlichen Narzissmus’ nicht spüren zu müssen. Genau hier zu enttäuschen ist zwar gemein, aber meine Aufgabe als Therapeut. Also singe ich weiter.
Dabei geht es keinesfalls um Diffamierung des kindlichen Narzissmus. Da ginge es ja wirklich darum, sich eine Zeit lang als Mittelpunkt der Welt zu sehen, um den sich selbst alles dreht. Und ohne diese Selbstliebe kann man im späteren Leben auch niemand anderen lieben. Doch diese meist ja unbefriedigt gebliebene Sehnsucht zu spüren und- in dem engen Rahmen, soweit möglich- nachzuholen und nachzunähren, das gehört in die Therapie, nicht in die Beziehung; zumindest nicht unbewusst und auch noch getarnt als- womöglich gebende- Liebe. Sonst ist der gallig grüne Sturz von der rosaroten Wolke, sind beidseitige Verletzungen programmiert und Beziehungen, noch bevor sie wirklich angefangen haben, schon zum Scheitern verurteilt. Und das sind sie, wenn erwachsene und kindliche Sehnsucht hübsch vermischt oder gar verwechselt werden, wenn ungestillter Babyhunger als erwachsene Liebe verkauft wird. Genau daran scheitern die meisten Beziehungen- auch viele von denen, die angeblich nicht scheitern.

emotion 02/07

Wer philosophieren oder diskutieren möchte, bei mir melden ^^
7.2.07 16:44
 


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